Schlagwörter

, , ,

Gestern liefen mir mal wieder die Erinnerungen davon. Damals, ich war acht oder neun Jahre alt und genoss die unbändige Freiheit meiner Nachmittage ganz allein. Meisten war ich im großen verwilderten Garten, beobachtete schlüpfende Schmetterlinge, sprach mit Geistwesen oder spielte Computerspiele (die damals nicht einmal ansatzweise erfunden waren). Meine Eltern arbeiteten beide, die kleine Schwester war im Kindergarten und der große Bruder mit anderen Jungen unterwegs. Ich befand mich auf dem vorläufigen Höhepunkt meiner spirituellen Entfaltung.

An diesem Tag hatte ich, während ich auf dem Fußweg entlang schlenderte, die seltsame Idee, die Frau, die einige Schritte vor mir ging, anzusprechen. Nicht mit dem Mund, nicht mit Worten, sondern in Gedanken. Ich sagte: „He du, dreh dich doch mal um, ja?“


Merabh of No Place

Eigentlich war ich sicher, dass sie mich nicht hören konnte, deshalb das etwas respektlose „he“. Doch auf der inneren Ebene hörte ich: „Was willst du?“ Ich sagte schnell: „Ach nichts, ich wollte nur mal sehen, ob du wach bist.“

Da das so gut funktioniert hatte, probierte ich es gleich bei einem alten Mann aus, der zigarrerauchend mit dem Stock in der Hand vorüberschlurfte. Ich folgte ihm, ging dicht hinter ihm, aber er rotzte seinen Schnodder auf die Straße, dass ich dann doch lieber fünf Meter Abstand hielt. Ich fragte ihn: „Bist du wach?“ Keine Reaktion. Ich fragte wieder in Gedanken: „He Opa, schläfst du?“

Dann war mir, als würde er aus tiefem Schlaf aufwachen, sich recken, um mich dann anzuknurren: „Lass mich in Ruhe!“ Dann verschwand diese Wahrnehmung wieder.

Ich lief anderen hinterher, die sich manchmal nur schwer wecken ließen, andere wiederum waren da offener, bis ich an eine Frau geriet, die mir wegen ihrer langen, dunklen Haare an den Beinen besonders auffiel. Ich lief auch ihr mit einigem Abstand hinterher, betrachtete ihren Rücken, ihre Einkaufstasche, ihren gesamten Eindruck, dann fragte ich auch sie: „Bist du denn wach?“ Ich spürte eine Bewegung an ihrem Rücken. Ich wagte noch einmal einen Vorstoß: „Dreh dich doch mal um, ja?“ Irgendwie war das ein lustiges Spiel für mich. Doch dann war ich total erschrocken, denn aus dem Rücken der Frau löste sich eine Gestalt. Unsichtbar für die meisten Menschen, sicher, doch ich nahm sie mit dem so genannten dritten Auge wahr, das ich schon vor langer Zeit geöffnet hatte. Dieser Aspekt der Frau kam auf mich zu, freudevoll, interessiert, völlig offen und bereit, sich mit mir zu unterhalten: „Ja? Ich bin wach, was willst du denn von mir?“

Das kam so überraschend, plötzlich trat mein „schüchternes Kind“-Aspekt vor, das „spielende, freche Kind“ war in den Hintergrund getreten. Ich wusste nichts zu sagen, denn ich wollte nichts von dem Menschen, außer mal antesten, wie tief sie schlief. Doch diese Frau war wach, hellwach sogar. Mir war nicht klar, wie viel der menschliche Anteil von ihr davon mitbekam. Ich traute mich auch nicht an ihr vorbei, wusste aber auch nicht, wohin ich verschwinden sollte, ohne „Gesicht zu verlieren“… Glücklicherweise kamen wir eben am Hof vor unserer Villa vorüber, so dass ich schnell mit den Worten entweichen konnte: „Ich wollt nur sehen, ob du wach bist.“

Diese Reaktion kam für mich so überraschend, dass ich das nie wieder in der Art probiert habe.

Später habe ich bei anderen Gelegenheiten mit vielen Menschen auf der inneren Ebene gesprochen, hab manchmal Streit geschlichtet oder Möglichkeiten vermittelt, wenn zwei Kontrahenten das für beide Beste nicht fertig brachten, weil sie vielleicht nicht mehr miteinander sprachen. Ich erzähle das hier, um deutlich zu machen: Man kann mit anderen Menschen telepathisch kommunizieren, selbst wenn man keine Reaktionen wahrnehmen kann, weil man vielleicht selber „zu“ ist oder die andere Person sich im Tiefschlaf befindet. Doch auch schlafende Aspekte nehmen wahr. Irgendwie erreicht man den anderen immer! Man versucht es nur nicht, weil uns keiner beigebracht hat, dass es funktioniert! Versuche es ruhig. Du kannst oftmals Situationen verändern, die unlösbar scheinen, wenn du den Weg über das so genannte Unbewusste wählst.